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Programme und Materialien für den Mathematikunterricht

600-km Brevet bei ARA-Breisgau am 29. Mai 2010


Vor ein paar Wochen habe ich eine Email von Urban erhalten mit dem Inhalt: "Hallo Ralph, ich mach mir ernsthafte Sorgen um Dich: Du bist hochgradig vom Randonneursvirus befallen worden !! Glaub mir, das geht so schnell nicht vorbei, die Meisten haben es ein Leben lang, schaffen es aber doch irgendwie damit zu lebenů"

Kurz vor der Abfahrt im Augustiner in Freiburg Kurz vor der Abfahrt im Augustiner in Freiburg
Wer hätte das vor gut einem Jahr gedacht, als mein Tages­kilo­meter­rekord noch unter 300 km lag. Vier Jahre ist es mittlerweile her, als ich Urban und Walter auf einer ADFC-Tour kennen lernen durfte. Urban erzählte mir (ich weiß noch genau, dass es zwischen Utzenfeld und Wieden war) von seinem Langstreckenhobby - mit Strecken von über 1000 km am Stück. Damals konnte ich mir das für mich noch nicht vorstellen, der Gedanke daran geistert aber seither durch meinen Kopf. Radsportbegeistert bin ich ja seit meiner Schulzeit, als es eines meiner Hobbys war, Rennradfahrer im Anstieg nach St. Peter zu ärgern - mit Zehngangrad und Schulranzen auf dem Gepäckträger. Einer aktiven Zeit als Straßenradsportler und Triathlet folgten ein paar Profi-Jahre, denn ich verdiente mein Geld während des Studiums als Fahrradkurier. Lange Eintagesrennen sind schon seit Jahren meine Lieblingsdisziplin und neben dem Ultra-Bike-Marathon in Kirchzarten fahre ich am liebsten beim Alpenbrevet über fünf Schweizer Pässe mit 7000 Höhenmetern an einem Tag. So war ich stets für alles zu haben, was sich zwischen Sonnenauf- und Untergang im Sattel zurücklegen lässt. Aber an noch längere Distanzen, bei denen man auch die Nacht durchfährt, hatte ich früher nie gedacht, bis Urban und Walter kamen...
So ändern sich die Zeiten und mit dem Alter passen sich die Heraus­forder­ungen an. Einen neuen Strecken­rekord auf meinen Hausberg, den Kandel, aufzustellen, kann ich mir abschminken. Ich wäre schon froh, ich könnte an diesen mit weniger als zehn Minuten Unterschied herankommen, aber man ist halt keine 17 mehr. Andererseits musste ich wohl erst 40 werden, um mich der Herausforderung des Langstreckenfahrens zu stellen. Aber im Unterschied zu anderen Viren fühlt sich dieses extrem gut an, besonders wenn man mal wieder ein Brevet, eine Prüfung, bestanden hat.
     Am 28. Mai sollte zum Dessert nun also das Sahnestück serviert werden (Zitat der Veranstalter): Das Jura-Brevet über 600 km mit mehr als 6000 Höhenmetern. Mit fast 70 Gleichgesinnten morgens um acht im geschlossenen Verband quer durch Freiburg zu fahren, ist an sich schon ein tolles Erlebnis. Laut §27 der Straßenverkehrsordnung bilden mehr als 15 Radfahrer einen geschlossenen Verband und dürfen nebeneinander fahren. Wenn der Führungsfahrer bei grün über eine Kreuzung fährt, darf der Rest des Verbands folgen, selbst wenn die Ampel mittlerweile auf rot umgesprungen ist - wenn da nicht die Gepäcktaschen wären, käme man sich vor wie bei der Tour de France.
Auf der Rheinbrücke bei Neuenburg Auf der Rheinbrücke bei Neuenburg
Da der Beginn durchs Rheintal sehr flach ist, bilden sich riesige Felder von Radfahrern und es gibt viel Gelegenheit zur Konversation - allerdings immer auch bei hoher Konzentration, denn bei über 30 km/h wenige Zentimeter hinter dem Rad des Vordermannes zu fahren, bedarf schon etwas an Übung - und noch mehr an Vertrauen, dass da vorne niemand einen Fehler macht. Trotz einiger Sundgau-Wellen erreichen wir in einer fast 30 Fahrer umfassenden Gruppe den ersten Kontrollpunkt bei km 108 in Porrentruy. Da die Bananen von zu Hause in der Trikottasche auch nicht besser werden und ich bereits an einem Brunnen das so lebenswichtige und Krämpfe verhindernde Wasser getankt habe, entschließe ich mich mit einigen wenigen Fahrern, hier keine Verpflegung zu kaufen. In einer überschaubaren Gruppe nehmen wir den ersten richtigen Berg zum Col Montvoie unter die 2,5 cm breiten Reifen.
     Es folgt ein Highlight der Strecke: Die Fahrt durch das Doubs-Tal bis St. Hippolyte. Die Sonne scheint und die Natur zeigt sich bei sommerlichen Temperaturen von ihrer schönsten Seite. Der Aufstieg auf das Hochplateau bei Maiche verdeutlicht die unbeschreibliche Schönheit der Doubs-Schlucht im Jura-Gebirge.
Auf fast 1000 m Meeres­höhe wäre es eigentlich ein Katzensprung hinüber ins Schweizer La Chaux-de-Fonds, eine der höchst gelegenen Städte Europas, wenn sich dazwischen nicht wieder der Doubs in tausenden von Jahren sein gewaltiges Bett in das Jura-Gestein geschnitten hätte. Wir bezahlen diese Naturgewalten mit einem Aufstieg von 600 Höhenmetern in atem(be)raubender Landschaft. Eine solche Steigung fährt man am besten in seinem individuellen Tempo, denn es gilt stets, noch genug Körner für den Rest der Strecke zur Verfügung zu haben. So erreiche ich alleine die etwas unwirkliche Höhen-Metropole La Chaux-de-Fonds. Im Bahnhof fülle ich meine Verpflegungs-Speicher wieder auf während die anderen ohne Halt durch den Ort rollen.
     Der 2. Kontrollpunkt bei km 205 auf dem Col Vue des Alpes (1283 M.ü.d.M) bietet einen herrlichen Blick hinab auf den Lac de Neuchatel. Allerdings ist es sehr windig, nicht mehr so warm und Alpensicht lassen die Wolken leider nicht zu. Im Restaurant auf der Passhöhe treffe ich drei Fahrer beim Kaffee, mit denen ich noch einiges gemeinsam erleben sollte. Ein weiterer landschaftlicher Höhepunkt sind für mich die lieblichen Hochtäler auf über 1000 Metern Höhe,
Auf dem Col de Montvoie (Foto von 2011) Auf dem Col de Montvoie (Foto von 2011)
die wir zu viert am späten Nachmittag hinunter rollen. Es geht aber nicht nur bergab, denn die Route im Fran­zösisch-Schweiz­er­ischen Grenz­gebiet - die Grenze überqueren wir insgesamt vier Mal - ist immer wieder gespickt mit ordentlichen Anstiegen. Eigentlich hatten wir in Pontarlier eine Rast geplant, aber weil die weiteren 60 km weniger Höhenmeter aufweisen, beschließen wir, die Pause nach Champagnole zu verlegen, denn dort ist Halbzeit. Bis da hin sollte aber an die Stelle der teils bissigen Anstiege im französischen Jura heftiger Gegenwind treten. Diesem begegnen wir durch gekonntes Windschatten-Fahren - das schweißt die Gruppe zusammen, denn jedem ist klar, dass er hier alleine so gut wie verloren wäre.
     Um 20.15 Uhr erreichen wir den Wendepunkt der Strecke: Champagnole. Die Tatsache, dass der Wirt den Stempel erst lange suchen muss, zeigt uns, dass wir die ersten sind - das Führungstrio hatten wir unterwegs bei einer Pause unbemerkt überholt. Bei Pizza und Cola wird mir klar: "Mit Euch drei werde ich wohl die Nacht verbringen." Kurz bevor wir in die Dunkelheit aufbrechen, treffen weitere Randonneure ein. Es bleibt aber nicht viel mehr Zeit als für einen kurzen Austausch und ein Foto und weiter geht's hinein in die Nacht.
Ab Salin-les-Bains führt die Strecke 80 km auf der berüchtigten D 492 bis Beaume-le-Dame. Die drei großen Wellen mit jeweils mehr als 5 km Anstieg über mehr als 300 Höhenmeter gehen richtig an meine Substanz. Vielleicht ist es besser, dass es stockdunkel ist, denn so hat man keine Chance zu sehen, wie weit es noch bergauf geht. Leider kommt nun ein Begleiter hinzu, der sich uns schon lange angekündigt hatte: Der Regen. Ach wie unproblematisch sehen doch Regenwolken auf der Wettervorhersagekarte aus - in der Realität der einsamen dunklen Nacht haben sie etwas sehr Mächtiges! Außerdem habe ich das Gefühl, dass die für vier Stunden prophezeite Regenmenge teilweise in vier Minuten auf uns niederprasselt.
     Unter dem Vordach einer Fabrik machen wir eine kurze Pause. Die Ovo-Schokolade und das Laugengebäck, das ich in La Chaux-de-Fonds gebunkert habe, erweist sich jetzt als willkommene Abwechslung zu den Müsliriegeln, die ich dauernd zu mir nehme. Ich sitze zusammengekauert auf einem Stapel Holzplatten. Mein Kreislauf sackt sofort in den Keller und ich beginne am ganzen Körper zu zittern. Was mich bewegt jetzt weiterzufahren?
Artikel in der Badischen Zeitung vom 29.05.2010 Artikel in der Badischen Zeitung vom 29.05.2010
Meine Liebe zum Radsport? Vielleicht die drei anderen, die sich nach kurzer Rast wieder auf die Räder schwingen? Wahr­schein­lich ist es nur der Mangel an Alternativen. Soll ich etwa hier sitzen bleiben? Oder mich etwas hinlegen, weil die Müdigkeit um 2 Uhr morgens nicht mehr zu verleugnen ist? Keiner dieser Gedanken hat irgendetwas Positives in Anbetracht der Nässe in meinen Kleidern. Man schwingt sich also aufs Rad und nach ein paar Minuten schwindet auch das Zähneklappern und macht schweren Oberschenkeln und beginnenden Sitzbeschwerden Platz - alles in allem aber angenehmer als zu frieren. Zum Glück habe ich heute keine Badische Zeitung gelesen. In großen Lettern würde da stehen "Egal was kommt, treten geht immer" - wie zynisch manche Redakteure doch sind...
     In Vesoul finden wir um 3.20 Uhr tatsächlich noch eine offene Kneipe. Na ja, offen nur deshalb weil die Musiker gerade ihre Sachen packen. Aus dem Zustand der Kneipe ist zu schließen, dass hier ein rauschendes Fest stattgefunden haben muss. Für uns ist das nur ein Vorteil, denn so fallen die Spuren, die wir hinterlassen, nicht mehr so drastisch aus.
Unter unseren Stühlen bilden sich Pfützen über mehrere Quadratmeter und verbinden sich mit den Resten der Party auf dem Boden. Die Bekanntschaft mit dem Wirt, der trotz seiner Müdigkeit morgens um 4 Uhr keinerlei Anstalten macht, seine letzten zitternden Gäste rauswerfen zu wollen, hat etwas Engelsgleiches: Er serviert uns freundlich einen Kaffee nach dem anderen.
     Nur noch 150 km - ist das normalerweise nicht alleine schon eine anspruchsvolle Tour? Nie im Leben würde ich eine solche Strecke bei so einem Regen in Angriff nehmen. Aber nasser können wir ja nicht werden, fahren also weiter und gönnen dem Engel aus der Kneipe seinen wohlverdienten Schlaf. Was man bei einer solchen Fahrt durch die kalte Nacht im Regen und in der Gischt des Vordermannes empfindet? Ich weiß es wirklich nicht mehr, denn der Mensch ist auch gut im Verdrängen. Ich kann mich aber an eine Gegebenheit erinnern: Plötzlich vernehme ich aus einem Busch neben der Straße ein lange nicht gehörtes Geräusch. Das erste Singen eines Vogels bringt mich irgendwie zurück ins Leben. Und tatsächlich: Ein paar Minuten später kann man die Morgendämmerung wahrnehmen.
Kontrollstelle nach 200km: Col Vue des Alpes Kontrollstelle nach 200km: Col Vue des Alpes
In Giromagny setzen wir mit unseren nassen Klamotten eine weitere Bäckerei unter Wasser. Dafür genießen wir das frische Gebäck so wie kein anderer Kunde und setzen uns danach ein letztes Mal dieser wohl bekannten Qual aus: Frierend Losfahren bei strömendem Regen. Immer wieder geht mir durch den Kopf, wie unglaublich es eigentlich ist, dass sich nach 500 km die Beine immer noch bewegen. Die Badische hat also doch Recht: "Treten geht immer."
     Um 10.15 Uhr erreichen wir nach etwas mehr als 26 Stunden das Ziel. Das Gefühl, diese Prüfung bestanden zu haben, lässt die Strapazen der Nacht sofort vergessen. Der Regen hat es nicht geschafft, die tollen Landschaftseindrücke des vorigen Tages zu schmälern und das gemeinsam in der Vierergruppe mit Gerd, Jochen und Tilo Erlebte zu trüben. Wenn ich dieses Brevet Revue passieren lasse, muss ich immer daran denken, wie genial der menschliche Körper doch ausgestattet ist. Besonders in Verbindung mit dem effektivsten Fortbewegungsmittel, dem Fahrrad.
Wenn man von einer Durch­schnitts­leis­tung von 250 Watt bei dieser Fahrt ausgeht, kommt man bei 22 Stunden reiner Fahrtzeit auf eine Energiemenge von etwas mehr als 5 kWh. Das entspricht gerade mal einem halben Liter Benzin. Mit meinem Auto hätte ich auf dieser Strecke mindestens 50 Liter verbrannt, aber niemals könnte ich mich dazu motivieren, diese 600 km lange Tour am Stück mit dem Auto zurück zu legen!

Route: www.bikemap.net/route/544954

(Herzlichen Dank an Wolfgang Hammel für die Fotos)

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