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Programme und Materialien für den Mathematikunterricht

Three Peaks Bike Race 2020

2000 km von Wien nach Nizza

(Bilder für höhere Auflösung anklicken.)

Eine bekannte Firma, die Radtaschen herstellt, nennt "bikepacking" den neuen Trend im Radsport. Das Rad zu bepacken und damit auf Reisen zu gehen, ist aber wahrlich kein Novum. Ich erinnere mich gerne an meine "Deutsch­land­tour" als Fünfzehnjähriger vor genau 37 Jahren von St. Peter im Schwarzwald nach St. Peter-Ording. Aber vor allem was die Ausrüstung angeht, hat sich doch einiges getan in all den Jahren und meine Mutter wäre froh gewesen (oder womöglich noch ängstlicher) wenn sie damals wie in diesem Jahr in jedem beliebigen Moment meinen aktuellen Standort im Internet hätte abrufen können.
Im Gegensatz zum Radreisen hat Bikepacking aber einen sehr sportlichen Aspekt, da es sich oft um Wettkämpfe handelt. Weil ich meiner Devise "jedes Jahr ein Radrennen" treu bleiben will und es aus beruflichen Gründen dieses Jahr keinen Radsommerurlaub mit Freundin und Tandem geben kann, ist ein Bikepacking-Race eine willkommene Art, wieder mal etwas neues auf dem Rad kennenzulernen. Der Reiz liegt für mich eindeutig in der Bikepacking-Philosophie, dass jeder Teilnehmer auf sich alleine gestellt ist und keinen Support durch andere in Anspruch nehmen darf. Ein Radrennen, bei dem hinter jedem Fahrer ein Begleitfahrzeug (oder gar mehrere) herfährt, ist für mich undenkbar und hat mit den Vorzügen des Radfahrens rein gar nichts zu tun, von der ökologischen Unsinnigkeit ganz zu schweigen.

An der Wiener Hofburg

An der Wiener Hofburg

Es gibt wenige Begriffe im Langstrecken-Radsport, die eine Untertreibung darstellen. "Three Peaks" Bike Race ist so ein Begriff. Man könnte meinen, man müsse dabei einfach von Wien nach Nizza über drei Berge fahren. Wie bei manch mathematischen Aufgabenstellungen ist hier aber etwas genauer hinzuschauen. Es heißt ja nicht genau drei oder höchstens drei. Wenn man über 16 Berge fährt, ist man ja auch drei gefahren :-) "Three Peaks" bedeutet in diesem Fall drei vorgegebene Berge, die man auf jeden Fall fahren muss. Wie und über wie viele weitere Berge man von einem zum nächsten Peak kommt, das bleibt jedem selbst überlassen. Auch das ist ein ganz besonderer Reiz dieser Veranstaltung. Als ich mich im Winter mit diesem Event beschäftigt habe, erinnerte ich mich sofort an ein Wanderbuch, das wir in meiner Jugendzeit zu Hause hatten. Ganz hinten war eine Tour "längs über die Alpen von Wien nach Nizza" beschrieben, die mich seitdem immer fasziniert hat. 2020 sollte ich die Chance bekommen, das mit dem Rennrad zu meistern.
Beim obligatorischen Bike-Check in Wien (©adventurebikeracing.com)

Beim obligatorischen Bike-Check in Wien (©adventurebikeracing.com)

Die drei vorgegebenen Peaks sind in diesem Jahr
die Großglockner-Hochalpenstraße inklusive Edelweißspitze,
der Col du Sanetsch im Wallis und
der Mont Ventoux mit einem 450 km langen vorgegebenen Parcours bis ins Ziel.
In der Karte sind diese vorgegebenen Abschnitte gelb markiert.

Three-Peaks-Bike-Race 2020

Three-Peaks-Bike-Race 2020

Die Vorbereitung

Da ich noch bis sieben Wochen vor dem geplanten Start damit gerechnet hatte, dass auch dieses Rennen der Corona-Pandemie zum Opfer fällt, war die Vorbereitung etwas hektisch. Trainiert hatte ich im Frühjahr zum Glück viel und konnte noch vor dem Rennen die 10.000 Jahreskilometer voll machen. Allerdings musste einiges am Rad verändert werden. Aerobars sollten mir helfen, die Handgelenke zu schonen und auch einen Nabendynamo mit festem Frontscheinwerfer suchte man bislang vergebens an meinem Carbonrenner. Für den Lenkeraufsatz war dann ein neuer Carbonlenker vonnöten, da der alte dafür nicht frei gegeben war. So war ich einige Abende (im Wohnzimmer!) am Schrauben, Ausprobieren, Bremshydraulik entlüften usw. Zum größten Glück hat sich so kurzfristig noch der Laufrad-Guru Maro Moskopp (radplan-delta.de) bereit erklärt, mir für dieses Rennen neue Untersätze zu bauen. Er hat schon für Paris-Brest-Paris im letzten Jahr unser Tandem mit unglaublich stabilen und schnellen Laufrädern ausgestattet, so dass mir das ein gutes und sicheres Gefühl gegeben hat. Als Scheinwerfer durfte ich den unglaublich hellen E3 Triple 2 von Supernova aus Gundelfingen (supernova-lights.com) testen.
Alles in allem schon unglaublich, was man so in ein eigentlich bereits renntaugliches Rad noch investieren kann. Alleine die beiden zusätzlichen Schalter und die dazu notwenige Steuereinheit für die elektronische Gangschaltung (Shimano Di2) hat mehr gekostet als mein gesamtes Rennrad meiner Deutschlandtour 1983.
Die komplette Packliste gibt es ganz unten hier.

BQ disc race RS - Carbonrahmen - Shimano Ultegra Di2 - SON deluxe Nabendynamo

BQ disc race RS - Carbonrahmen - Shimano Ultegra Di2 - SON deluxe Nabendynamo

Laufräder von Radplan-Delta, Taschen von Apidura, Lampe von Supernova

Laufräder von Radplan-Delta, Taschen von Apidura, Lampe von Supernova

Die Streckenplanung

Auf den ersten Blick scheint es recht einfach, die einzelnen vorgegebenen Peaks möglichst geschickt miteinander zu verbinden. Es gibt aber immer unterschiedliche Varianten, von denen es eine auszuwählen gibt. Für die Entscheidung wichtig ist hierbei immer das Verhältnis aus Streckenlänge und Höhenmetern, um eine möglichst schnelle Variante zu wählen - schließlich handelt es sich hier ja um einen Wettkampf. Für meine Entscheidung diente aber auch das Argument, dass ich eine Strecke ansprechend finden möchte und darauf Lust haben will. Bei diesen Vorgaben war es wie verhext, denn total unterschiedliche Streckenvarianten sollten am Ende alle fast gleichwertig sein. Die Veranstalter erhöhten zusätzlich die Flexibilität indem sie freistellten, in welcher Richtung man die Großglockner-Hochalpenstraße fahren will.
Blick von Furkapass ins obere Rhonetal (©adventurebikeracing.com)

Blick von Furkapass ins obere Rhonetal (©adventurebikeracing.com)

Für folgende Variante habe ich mich entschieden:
Wien - St. Pölten - Großglockner von Nord nach Süd - Lienz - Bruneck - Brixen - Bozen - Meran - Ofenpass - Albulapass - Oberalppass - Furkapass - Sanetsch - Chamonix - Alberville - Grenoble - Zielparcours ab Mont Ventoux nach Nizza
Meine Route beim Three-Peaks-Bike-Race 2020

Meine Route beim Three-Peaks-Bike-Race 2020

Bei der Variante, den Großglockner von Süd nach Nord zu fahren, und dann über Innsbruck, den Arlbergpass und Chur in die erste Variante einzubiegen störte mich vor allem der steile und viel befahrene Katschbergpass vor dem Großglockner. Die Variante, von der ich erst beim Start hörte, nämlich nach dem Arlberg auf der Alpennordseite nach Gsteig zu fahren und von dort auf den Sanetsch zu laufen, kam für mich nicht in Frage. Ich mache doch nicht bei einem Radrennen mit, in das ich freiwillig eine Wanderung einbaue. Auch wenn das nach dem Sanetsch die einfachere Variante war, wollte ich die Straße hinauf zum Col (die es nur von Süden aus von Sion gibt) ja unbedingt mit dem Rad fahren, da ich diesen sagen­umwobenen Pass noch nicht kannte.
Auf dem Sanetschpass (©adventurebikeracing.com)

Auf dem Sanetschpass (©adventurebikeracing.com)

Eine weitere Variante, von Bozen aus zum Gardasee zu fahren und dann durch die Po-Ebene nur über den Simplon-Pass nach Sion zu kommen, hatte tatsächlich 3000 Höhenmeter weniger, war allerdings auch 80 km länger. Auf die Strecke durch die Ebene hatte ich aber überhaupt keine Lust, denn ich wollte ja meine geliebten Alpen längs durchqueren und diese nicht in der Ebene umfahren.
Interessant ist die Übersicht über alle unterschiedlichen Strecken, die von den Teilnehmenden gewählt wurden. Meine Wahl war sicher nicht die schlechteste, denn die drei Erstplatzierten haben sich auch für diese Variante entschieden. Das Abwägen zwischen Höhenmetern und Streckenkilometern geht allerdings nicht ganz auf, denn Höhenmeter addieren sich eher zunehmend zu schweren Beinen, was sich auch bei mir zeigen sollte.
Die Routen aller Teilnehmenden

Die Routen aller Teilnehmenden

Im Nachhinein stellt sich für mich lediglich die Frage, ob es mir besser ergangen wäre, wenn ich von Sion aus über den Genfer See gefahren wäre. Ich hätte so meine "Hölle von Chamonix" umfahren, die allerdings zum Zeitpunkt der Entscheidung in Martigny noch nicht absehbar war.

25.07.2020 - Der Start und die erste Nacht

Da der Start des Rennens am Samstagnachmittag um 16 Uhr ist, kann ich ausgeschlafen und gut erholt und verpflegt ins Rennen gehen. Mein Ziel ist es, die erste Nacht durchzufahren, um schon einmal ein paar Kilometer hinter mich zu bringen. Die frühen Abendstunden sind geprägt von Gewitterstimmung und Gegenwind. Zum Glück bleibt es trocken und der Wind hemmt alle gleichermaßen, denn Windschattenfahren ist bei diesem Rennen nicht erlaubt. Als es dämmrig wird, sehe ich eine offene Hütte, die wohl die letzte Verpflegungsmöglichkeit darstellt. Auf meinen ersten Gedanken "wirklich schon so früh im Rennen die erste Pause einlegen?" folgt sogleich der zweite "ja natürlich, nach 120 km kann man auch mal was Anständiges essen!" Der Wirt hat noch eine letzte Portion Reisfleisch, was mit Radler, Cola und einem Kaffee danach eine gute Grundlage für die Nacht sein sollte. Ich genieße die Ruhe auf den tagsüber sicher recht viel befahrenen Straßen.
Leichter Nebel lässt die Nacht recht frisch werden (©Daniel Witzke)

Leichter Nebel lässt die Nacht recht frisch werden (©Daniel Witzke)

Eine Begegnung der besonderen Art habe ich bei herrlichem Mondschein an einem der Anstiege: Eine Polizeistreife fährt neben mich und man fragt, ob hier ein Radrennen stattfinden würde. Ich muss dann erklären, dass es nicht verwunderlich ist, dass die Polizisten bereits mehrere Radfahrer in anderen Tälern gesehen haben, denn wir müssten einfach auf beliebiger Strecke zum Großglockner. Dass dort nicht das Ziel ist, sondern dieses am Mittelmeer liegt, entlockt den Polizisten eine Reaktion zwischen Ungläubigkeit und Bewunderung. Jedenfalls reicht mir der Beifahrer eine volle Radflasche aus dem Fenster mit dem Kommentar, dass die vom Ötztal-Marathon sei. Da meine Flaschen frisch gefüllt sind, nehme ich das Angebot nicht an, freue mich aber über das Angebot.
Die einzige nachts offene Tankstelle in Liezen (©Daniel Witzke)

Die einzige nachts offene Tankstelle in Liezen (©Daniel Witzke)

Die Wellen der Steiermark bereiten mir keine allzu großen Schwierigkeiten und über Schladming geht es dann durch den Pongau in Richtung Großglockner. Nach 350 km und immerhin schon 3500 Höhenmetern erreiche ich um 5.40 Uhr den Talort Bruck an der Großglocknerstraße bei Zell am See.

26.07.2020 - Der erste Peak: Die Großglockner-Hochalpenstraße

Die nackten Daten dieses Berges hören sich erst einmal nicht unlösbar an: 30 km Anstieg, 1800 zu überwindende Höhenmeter. Verglichen mit dem längsten Anstieg, den ich bisher gefahren bin (43 km, 2600 Höhenmeter vor drei Jahren auf den 3353m hohen Pico del Veleta in Andalusien), also durchaus machbar. Allerdings bin ich damals erholt in den Berg gefahren und nicht mit 350 km in den Beinen. Wie also diesen Berg fahren? So wie ich das immer versuche: Eigenen Rhythmus finden und konsequent durchfahren. Diese Taktik wähle ich nach der Mautstation nach 13km eher gemächlicher Steigung. Dort lege ich erst einmal eine Riegel-Pause ein und entledige mich meiner Nachtgarderobe bestehend aus Armlingen, Beinlingen und der Leuchtweste. Ab hier beginnt dann der eigentliche "Berg" mit durchgehend zweistelligen Steigungsprozenten.
Meinen Rhythmus finde ich, allerdings muss ich mich damit begnügen, dass das Tempo und die Leistung, die ich aufbringen kann, deutlich geringer sind als ich es gewohnt bin, was wohl auch an dem Gepäk liegt, das ich zusätzlich den Berg hinauf bringen muss. Es hilft aber nichts, sich zu grämen. Ich muss mich damit abfinden, dass andere Tagestouren-Radfahrer (die zumeist mit dem Auto zur Mautstation gefahren sind) an mir vorbeifliegen. Aber Langstreckenradler sind geduldig.
Die letzten Kehren vor dem Fuscher Törl (©Daniel Witzke)

Die letzten Kehren vor dem Fuscher Törl (©Daniel Witzke)

Was allerdings nervt, ist der zunehmende Auto- und Motorrad-Verkehr, der sich trotz hoher Mautgebühren am Sonntag hier abspielt. Um 7 Uhr ist es zwar noch recht ruhig auf der Hochalpenstraße, aber gerade das nutzen vor allem Einheimische PKW-Raser aus, die hier Rennfahrer spielen. Spätestens ab 8 Uhr gibt es keine Minute mehr ohne Überholmanöver, besonders ärgerlich durch Motorradfahrer ohne Sicherheitsabstand. Dagegen hilft nur eines: Ja nicht ganz rechts fahren sondern in der Mitte der Fahrspur, denn dann ist zu wenig Platz zum Überholen. Irgendwie schade, dass die einsame Ruhe der Nacht nun so ein jähes Ende findet. Wer Alpenpässe mit dem Rennrad befährt, lebt aber immer mit diesem Problem und auch hier bin ich natürlich geduldig.
Passhöhe Fuscher Törl, 2394 m (©adventurebikeracing.com)

Passhöhe Fuscher Törl, 2394 m (©adventurebikeracing.com)

Mit niedrigem aber konstantem Tempo erreiche ich um 8.30 Uhr die Passhöhe Fuscher Törl. Passhöhe bedeutet allerdings nicht, dass man jetzt oben ist, denn hier beginnt eine ca. 1,5 km lange Kopfsteinpflasterstraße zur Edelweißspitze auf 2571 Metern Meereshöhe. Diese steile Straße mit ruppigem Belag verlangt mir einiges ab, aber 2 Stunden nach der Mautstation stehe ich glücklich am höchsten Punkt des Rennens. In der Edelweißhütte genehmige ich mir erst mal ein ausgiebiges Körnerfrühstück mit Brot und Hefeweizen.
1,5 km Kopfsteinpflastersraße zur Edelweißspitze (©adventurebikeracing.com)

1,5 km Kopfsteinpflastersraße zur Edelweißspitze (©adventurebikeracing.com)

Auf dem Gipfel der Edelweißspitze, 2571 m

Auf dem Gipfel der Edelweißspitze, 2571 m

Auf dem Gipfel der Edelweißspitze, 2571 m

Auf dem Gipfel der Edelweißspitze, 2571 m

Nach einer Stunde Pause fängt es etwas an zu Nieseln und das ist das Signal für mich, so schnell wie möglich hier weg zu kommen. Ab Mittag wird es hier teilweise heftig regnen, was für nachkommende Fahrer nicht unproblematisch sein wird. Und auch hier bedeutet Abfahrt nicht, dass es nur bergab geht, denn es wartet noch einmal ein Gegenanstieg über 250 Höhenmeter zum Hochtor. Auf dem gesamten Höhenprofil ist das ein kaum wahrnehmbarer "Zacken" aber im Moment eine ganz schöne Herausforderung. Nach dem Passtunnel eröffnet sich dann ein toller Blick auf die Bergwelt Kärntens, für die ich auf der rasenden Abfahrt allerdings kaum einen Blick übrig habe.
Ein Kumpel schreibt mir eine WhatsApp-Nachricht, dass nur sieben der 120 Teilnehmenden vor mir auf der Edelweißspitze waren. Ich selbst schaue ja grundsätzlich nicht nach dem Live-Tracking der "Konkurrenten", weil ich sie nicht als solche sehe und weil die Platzierung für mich Nebensache ist. Trotzdem gibt mir diese Info ein gutes Gefühl, dass so langsam mein Tempo dann wohl doch nicht ist. Aber es kann noch viel passieren und außerdem sind einige schnelle Fahrer noch auf dem etwas längeren Weg von Süden zur Hochalpenstraße, die es danach dann einfacher haben als ich.

Der erste heiße Tag

Wieder im Tal wartet in Winklern der nächste "Zacken": 300 Höhenmeter hinauf auf den Iselsberg-Pass. Ich stelle mich auf "einmal nach St. Peter" ein und bin schon wieder im Bergmodus. Von der Passhöhe hat man einen wunderbaren Blick auf die Lienzer Dolomiten, ein Teil der Gailtaler Alpen. Die "Gailtalerin" aus Wolfang Ambros' Rustical "Der Watzmann ruft" begegnet mir allerdings nicht.
Von Lienz aus fahre ich das Drautal aufwärts auf dem sehr schön angelegten Drau-Radweg. Das sind weitere 600 Höhenmeter, die sich aber gemächlich auf 50 km verteilen. Es kommen mir Hunderte Radler von oben entgegen, wobei in meine Richtung niemand fährt (oder alle haben genau mein Tempo). Das muss eine übliche Freizeitbeschäftigung sein, mit dem Zug hoch und mit dem Rad runtersausen. Ich frage mich nur, warum einige zum Bergabfahren einen Motor brauchen. Leider ist nach 15 km der Radweg gesperrt und statt einer Schotterstrecke weiche ich auf die Hauptstraße aus. Der Sonntagsverkehr ist recht heftig und zu der Mittagshitze gesellt sich kontinuierlicher Gegenwind, der den eigentlich so flachen "Rollerberg" recht steil werden lässt. In einer Tankstelle kurz vor der Italienischen Grenze lege ich einen Verpflegungsstopp ein. Ein Leberkäsweckle hätte ich vielleicht auch in Bruneck bekommen, aber beim Almdudler bin ich mir da nicht so sicher.
Oben in Toblach quält sich eine Kolonne aus Autos, Wohnmobilen und Motorrädern über die Fernstraße. Ich bin mit dem Rad kaum langsamer, brauche aber deutlich weniger Platz, den man mir dann beim Überholen auch noch streitig macht. Die Wohnmobilisten sind doch genauso auf Tour wie ich und haben alles Wichtige für die Reise dabei, aber irgendwie interessant, wie sich die Urlaubstrends doch auseinander entwickeln. Das Pustertal hinunter geht es im starken Verkehr aber wegen des Gegenwindes nicht sehr schnell. Entlohnt wird man hier durch herrliche Blicke auf die prächtigen Dolomiten. Als ich 25 km nach Bruneck in Mühlbach die Stelle erreiche, von der aus es nach Vals abzweigt, muss ich eines der neun Fotos schießen, die ich während des Rennens gemacht habe. In Vals war ich im Februar von der Schule aus im Skilager. Und genau an diesem Abend findet zu Hause das Betreuertreffen statt. Da muss ich natürlich einen aktuellen Beitrag liefern. So viel Zeit muss sein. Rennen hin oder Rennen her.
So viel Zeit muss sein: Selfie an denkwürdiger Stelle

So viel Zeit muss sein: Selfie an denkwürdiger Stelle

Die Strecke von hier bis ins Vinschgau ist mir vertraut, da ich - wie denn sonst - im Februar mit dem Rennrad angereist und zurück gefahren bin. Auch im Eisacktal von Brixen nach Bozen gibt es einen sehr schönen Radweg, teilweise durch alte Straßentunnels. Um 18.30 Uhr finde ich in Bozen noch einen offenen Aldi und ich weiß schon genau, wo ich mein Vesper zu mir nehmen werde: An einem Rastplatz mit Trinkwasserbrunnen am Etsch-Radweg Richtung Meran. Welch ein Vorteil, wenn man die Gegebenheiten kennt.
Radwegtunnel im Eisacktal zwischen Brixen und Bozen (©Daniel Witzke)

Radwegtunnel im Eisacktal zwischen Brixen und Bozen (©Daniel Witzke)

Nach 590 km, die ich nun am Stück gefahren bin, überlege ich mir, wie ich weiter vorgehe. An Schlafen ist noch nicht zu denken und so werden tatsächlich meine kühnsten Pläne wahr, den Vinschgau doch noch abends bei wenig Verkehr zu durchfahren und erst im 75 km entfernten Glurns unweit des Reschenpasses zu übernachten. Ich hatte da schon ein günstiges Hotel ausfindig gemacht, das bei booking.com aber schon belegt war. Also rufe ich beim Weißen Kreuz an und man hat tatsächlich ein Zimmer frei. Das Frühstück würde man mir dann hin richten, weil ich um 4 Uhr aufstehen will. Auch wenn ich überhaupt nicht müde bin, halte ich es für eine gute Idee, in dieser Nacht gut und viel (d.h. mindestens 4 Stunden) zu schlafen. Vielleicht könnte ich dann ja nächste Nacht wieder durchfahren.
Der Etschtalradweg ist ein Gedicht. In der Nähe der Forst-Brauerei bei Meran überwindet der Radweg einen steilen Anstieg in sieben engen Kehren. Und in Baden-Württemberg verkündet man es als Weltwunder, wenn der Verkehrsminister mal wieder irgendwo einen Kilometer Radschnellweg einweiht. Über mehrere Anstiege fahre ich den Etschtalradweg durchs wunderschöne Obstland Vinschgau 800 Höhenmeter hinauf nach Glurns am Einstieg zum Ofenpass. Das letzte Stück ab Schlanders ist nicht asphaltiert, weshalb ich dann wieder auf die Hauptstraße ausweiche. Der Verkehr hat sich um 21.30 Uhr aber wie erhofft beruhigt. Trotzdem meinen einige Autofahrer sich über Radfahrer aufregen zu müssen, für die dieser Abschnitt nicht gesperrt ist. Unglaublich.
Etschtal-Radweg durch den Vinschagu in Südtirol (©Daniel Witzke)

Etschtal-Radweg durch den Vinschagu in Südtirol (©Daniel Witzke)

Radweg an der Etsch vorbei an unzähligen Obstplantagen (©Daniel Witzke)

Radweg an der Etsch vorbei an unzähligen Obstplantagen (©Daniel Witzke)

So sieht der Vinschgau bei Tageslicht aus (©Daniel Witzke)

So sieht der Vinschgau bei Tageslicht aus (©Daniel Witzke)

Als ich um 22.30 Uhr das Hotel erreiche, bin ich immer noch nicht müde. Das ändert sich aber schnell, als ich eine Stunde später nach zwei Bier auf Ex, ein wenig Socializing und einigen Vorbereitungen für morgen im Bett liege. Ein Drittel der Strecke (zumindest was die Entfernung angeht) ist geschafft - ein gutes Gefühl.

27.07.2020 - Der Tag der vier Schweizer 2000er-Pässe

Um 4 Uhr ist die Nachtruhe zu Ende, die wirklich sehr erholsam war. Der freundliche Wirt hat mir bereits am Vorabend ein reichhaltiges Frühstück gerichtet, so dass ich - sagen wir mal den Umständen entsprechend - frisch und gestärkt um kurz nach 5 Uhr bei Morgendämmerung wieder auf dem Rad sitze. Die Passhöhe des 2149 Meter hohen nicht sehr steilen Ofenpasses erreiche ich nach 30 km um Viertel nach 7. Die 675 km des ersten Abschnitts merke ich deutlich in meinen Beinen, so dass ich meine Fahrweise dieser Tatsache anpassen muss. Nach einer recht frischen Abfahrt durch die tolle Landschaft des Schweizer Nationalparks steht mit dem Albulapass der nächste 2000er auf dem Programm. Als ich in La Punt das Inntal kurz vor St. Moritz gen Westen verlasse, sticht die Vormittagssonne bereits um 9 Uhr schon heftig in den Hang und ich habe eine leise Vorahnung auf das, was mir dieser Tag noch bescheren würde. Oberhalb der 2000-Meter-Grenze sind die Temperaturen aber noch recht erträglich und die letzten flachen Kilometer bis zur 2315 m hohen Passhöhe sind ein wahrer Genuss.
Passhöhe Albulapass

Passhöhe Albulapass

Passhöhe Albulapass

Passhöhe Albulapass

Anstrengender als gedacht gestaltet sich die Abfahrt, bei der es 1600 Höhenmeter zu verlieren gilt. Die Straße ist recht schmal und der entgegenkommende Verkehr lässt keine Fahrfehler zu. Interessant zu beobachten sind ca. 30 Langläuferinnen und Langläufer vermutlich irgendeiner Nationalmannschaft, die diesen langen Anstieg zum Training nutzen. Nur die Temperaturen von ca. 30 Grad scheinen nicht recht zu passen. In Tiefenkastel erwartet mich die mittlerweile dritte Baustellenampel des Tages, an denen mir an diesem Tag sicherlich eine halbe Stunde Rennzeit gestohlen werden. Geduldig halte ich mich aber selbstverständlich an die Verkehrsregeln.
In Bonaduz ist Mittagessenszeit und ich verköstige mich mit einem sauguten und schweineteuren Burger mit Pommes und allem was dazu gehört (Radler, Cola, Cappuciono). Danach geht es wieder bergauf in Richtung Rheinschlucht des Vorderrheins. Der zunächst noch schützende Schatten der steilen Schluchthänge weicht wenig später brütender Hitze am Steilstück über einige Kehren hinauf nach Versam. Die tollen Felsformationen, die entstanden sind, als sich der Rhein vor 10.000 Jahren einen neuen Weg durch die Geröllmassen eines Felssturzes bahnen musste, beeindrucken mich zwar sehr, bringen aber auch keine Abkühlung.
Ruinaulta, bis zu 400 Meter tiefe und rund 13 Kilometer lange Rheinschlucht (©Daniel Witzke)

Ruinaulta, bis zu 400 Meter tiefe und rund 13 Kilometer lange Rheinschlucht (©Daniel Witzke)

Blick zurück auf die Felsformationen der Ruinaulta (©Daniel Witzke)

Blick zurück auf die Felsformationen der Ruinaulta (©Daniel Witzke)

Was nach der kurzen Abfahrt hinunter nach Ilanz kommt, bei der man fast alle mühsam erkämpften Höhenmeter wieder einbüßen muss, ist für mich ein Zwischending zwischen Sisyphos und Hölle. Die 30 km lange Strecke durch das Vorderrheintal hinauf nach Disentis gehört mit 2% Durchschnittssteigung sicher nicht zu den respekteinflößenden Teilstücken. Vermutlich ist aber genau das das Problem, da man im Kopf den Körper nicht auf eine Herausforderung einstellt. Diese stellt sich aber durch heftigen Gegenwind bei fast unerträglicher Hitze ein. Hinzu kommen schlimme Schmerzen im rechten großen Zeh, der mir seit Jahren zunehmend Schwierigkeiten bereitet, wenn es über 25 Grad hat. Und das hat es. Gegen diesen Ultra-Heißluftföhn mit Schmerzattacken anzufahren stellt meine Motivationsfähigkeit auf die Probe und nur die Vorstellung nach einem schattigen kühlen Brunnen in Disentis hält mich auf dem Rad. Ohne es gewusst zu haben, gibt es diesen Brunnen im Schatten vor der Sparkasse in dem Graubündner Kurort. Mehr als eine halbe Stunde kühle ich meinen Körper mit dem frischesten was die Natur hervorbringen kann.
Dann wieder in der Hitze loszufahren erfordert einiges an Willenskraft, aber ab hier kenne ich die Strecke gut, da ich schon viermal beim Alpenbrevet diesen Pass gefahren bin. Das erste steile Stück hinter Sedrun ist das, was ich eigentlich nicht mag, eine drei Kilometer lange Gerade bei der man gefühlt nicht vom Fleck kommt. Die Erfrischung in Disentis hat aber auch meine Gedanken erfrischt und ich freue mich auf das "Sahnehäubchen" des Oberalppasses: Zehn Kehren, bei denen tatsächlich wieder so etwas wie Freude aufkommt. Getoppt wird diese im wahrsten Sinne des Wortes, als ich die Passhöhe auf 2044 m Höhe erreiche.
Anstieg zum Oberalppass (©Daniel Witzke)

Anstieg zum Oberalppass (©Daniel Witzke)

In Andermatt hat die Pizzeria, in der wir im letzten Jahr so gut gegessen hatten, den Ofen noch nicht eingeschaltet, so dass ich weiter fahre und hoffe, in Realp etwas Essbares zu bekommen. Klar habe ich noch einen großen Vorrat an Power-Riegeln, aber diese klebrigen Dinger scheinen in meinem trockenen Mund gerade fehl am Platze zu sein. Vor dem Furka-Pass, dessen Ostseite jetzt bereits im Schatten liegt, gibt es also einen weiteren Burger mit dem bewährten Flüssigen. Hier mehr als eine Stunde zu verbringen wäre für die sehr ambitionierten Fahrer im Feld sicherlich Zeitverschwendung. Ich gönne mir diese Zeit aber um mich zu verpflegen und um mich mental auf den nächsten Pass einzustellen.
Und das macht sich mehr als bezahlt: Mit einer nicht mehr für möglich gehaltenen Entspanntheit nehme ich den nicht gerade einfache Anstieg zum Furkapass unter die Reifen. Die 900 Höhenmeter bei 7% Durchschnittsteigung schaffe ich mühelos und erreiche um Viertel vor neun den höchsten Punkt des heuten Tages auf 2429 m. Es ist immer wieder unglaublich, wie schnell sich ein Blatt, das die Hölle war, wieder zum Guten wenden kann.
Blick auf Realp und die Kehren der Furkapass-Ostseite (©Daniel Witzke)

Blick auf Realp und die Kehren der Furkapass-Ostseite (©Daniel Witzke)

Blick vom Furkapass (2429 m) ins obere Rhonetal und auf den Grimselpass

Blick vom Furkapass (2429 m) ins obere Rhonetal und auf den Grimselpass

Da ich noch überhaupt nicht müde bin, schmiede ich in einem Anflug von Größenwahn Pläne für die kommende Nacht: Schnell nach Sion hinunter fahren und gleich den Sanetschpass in Angriff nehmen. Dann müsste es möglich sein, auch noch den Col de la Forclaz in der Kühle der Nacht zu packen. Der Denkfehler liegt leider in dem Wort "schnell". Es geht zwar im Rhonetal nur bergab, aber bis Sion sind es vom Furkapass 120 km, was ich absolut nicht auf dem Schirm habe. So folgt nach dem Hoch auf dem Pass wieder ein Tief bei der einfachen aber nicht enden wollenden Strecke nach Sion.
Um 1 Uhr nachts in Sion gebe ich die sich so gut anfühlenden Pläne noch nicht auf, brauche aber erst mal wieder eine Pause. Aus dem Bahnhofsautomaten ziehe ich Cola und Snickers und in der öffentlichen Toilette eines Parks gibt es Körperpflege und Trinkflaschenfüllung mit kalorienreichem Maltodextrin. Selbst nach einer Stunde in Sion will sich mein Kopf nicht richtig auf den folgenden harten Anstieg einstellen, aber ich hatte mir das doch so schön ausgemalt…

Der zweite Peak: Col du Sanetsch

Auf der Rennrad-Seite quaeldich.de heißt es: "Der Walliser Col du Sanetsch ist einer der ganz großen Schweizer Pässe". Mit der obligatorischen Fahrt von der Passhöhe zum Stausee und zurück hat man mehr Höhenmeter zu überwinden als am legendären Stilfser Joch. Das hört sich doch so richtig nach einem Projekt an, das man nach 360 Kilometern und mehr als 6000 Höhenmetern in den Beinen nachts um 2 Uhr in Angriff nehmen sollte.
So ist der Plan und nach den ersten steilen Rampen bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich diesen Hammer-Anstieg jetzt noch schaffen werde. Die kleine Straße ist recht sparsam in den nördlichen Steilhang des Rhonetals gebaut: Schmal und steil um teuere Kehren zu sparen. Nach dem Dorf Chandolin führt die Straße in eine Schlucht hinein, von der man nachts kaum glauben kann, dass diese auch wieder irgendwo herausführt. Ringsum sind steile Felswände und man hört tosende Wasserfälle. Rampen mit bis zu 15% Steigung machen flüssiges Bergauffahren unmöglich und ich habe das Gefühl, dass mein Wille das einzige ist, was mich da hochtreibt, denn die Beine können irgendwie schon lange nicht mehr.
Passstraße zum Col du Sanetsch (©adventurebikeracing.com)

Passstraße zum Col du Sanetsch (©adventurebikeracing.com)

Als ich nach 12 km auf 1000 m Höhe die Kreuzung erreiche, zu der ich auf der Abfahrt dann wieder zurück muss, da es nur von einer Seite eine Straße zum Sanetsch gibt, überlege ich nicht lange, ob ich hier mein Gepäck deponieren soll, um ohne Zusatzgewicht die Anstiegsschlacht zu schlagen. Ich bin in einer Verfassung, in der ich jeden Moment damit rechnen muss, dass ich nicht mehr weiterfahren kann und biwakieren muss. Also geht es mit Gepäck weiter über unzählige Kehren im Kiefernwald.
Um Batterien zu sparen, aber auch um mich nicht abzulenken, schalte ich das Navigationsgerät aus, so dass ich nicht weiß, wie weit die Schinderei noch geht. Oberhalb der Baumgrenze bin ich mir sicher, dass es nach der nächsten Kehre vorbei ist. Um dann erkennen zu müssen, dass das da 50 Meter über mir immer noch die Straße ist. Das geht mindestens sechs mal so. Dann erreiche ich den 800 Meter langen Tunnel. Entsetzt stelle ich fest, dass das gar nicht ein Passtunnel ist, sondern es im Tunnel und auch danach noch bergauf geht. Also schalte ich das Navi ein um mir bestätigen zu lassen, dass ich jetzt gleich ob bin. Der Höhenmesser zeigt gerade mal 2000 m an. Also immer noch 250 Höhenmeter, die ich mich aber gekonnt hinauf quäle.
800 Meter langer Tunnel beim Col du Sanetsch (©Daniel Witzke)

800 Meter langer Tunnel beim Col du Sanetsch (©Daniel Witzke)

Für den 28 km langen Anstieg zum Pass habe ich ziemlich genau drei Stunden gebraucht. Vom Pass aus geht es dann 200 Höhenmeter bergab bis zum Stausee, unterhalb dem sich der Kontrollpunkt befindet, den man bei diesem Rennen passieren muss. Mir ist klar, diese 200 Höhenmeter schaffe ich in dieser Verfassung nicht mehr.
Ich steuere also die Auberge du Sanetsch an, um mich nach einem Biwakplatz umzuschauen. Begeistert bin ich, dass es hier einen großen Brunnen gibt, indem ich im Schutze der einsetztenden Morgendämmerung prima baden kann. Den Wiederhall meines Schreies als ich mich komplett in den von frischestem Gletscherwasser gespeisten Brunnen lege, höre ich noch eine ganze Weile lang. Auf der Veranda der Hütte finde ich einen tollen windgeschützten Platz für meine Isomatte und sofort einen sehr erholsamen Schlaf. Hier oben auf mehr als 2000 m Meereshöhe ziehe ich frisch gebadet sogar im Schlafsack meine kuschelige Primaloft-Jacke an.
Mein Ünernachtungsplatz an der Auberge du Sanetsch

Mein Ünernachtungsplatz an der Auberge du Sanetsch

Die Helligkeit des beginnenden Tages beendet meine Nachtruhe bereits nach nicht einmal drei Stunden, aber ich habe immerhin sehr gut geschlafen. Die 20 Minuten bis zur Öffnung der Hütte überbrücke ich mit dem Verstauen der Schlafutensilien. Das Berghüttenfrühstück genieße ich wie kaum eine andere Speise und mittlerweile fühle ich mich wieder gestärkt und in der Lage, den Anstieg zum Pass und die schwierige Abfahrt zu bewältigen. Der Plan, das ohne Pause direkt noch in der Nacht zu machen, wäre wenig vernünftig, vielleicht sogar gefährlich gewesen. Die atemberaubende Landschaft mit Blicken in die Walliser Alpenkette gönne ich mir beim Abfahren aber immer nur für Bruchteile von Sekunden.

Frühstücke wie ein Kaiser! (©adventurebikeracing.com)

Frühstücke wie ein Kaiser! (©adventurebikeracing.com)

Bei der Auberge du Sanetsch (©adventurebikeracing.com)

Bei der Auberge du Sanetsch (©adventurebikeracing.com)

Beim Sanetschsee (©adventurebikeracing.com) Beim Sanetschsee (©adventurebikeracing.com)

Beim Sanetschsee (©adventurebikeracing.com)

Und weiter geht es in die alpine Einsamkeit (©adventurebikeracing.com) Und weiter geht es in die alpine Einsamkeit (©adventurebikeracing.com)

Und weiter geht es in die alpine Einsamkeit (©adventurebikeracing.com)

Blick vom Sanetschpass zum Glacier de Tsanfleuron

Blick vom Sanetschpass zum Glacier de Tsanfleuron

28.07.2020 - Der Tiefpunkt

Die steile Abfahrt auf der schmalen Straße ist auch ohne Kurbelumdrehungen anstrengend und fordert 100% der Konzentration. Da wo der Kiefernwald den Weinreben Platz macht und den Blick ins Rhonetal freigibt, spürt man schon, was einen da unten erwartet: Sengende Hitze. An der Rhone angekommen sehne ich mich sofort nach der Frische auf dem Berg, aber zunächst ist es erst einmal flach. Welch eine Wonne könnte das Radfahren hier in der Ebene sein. Stattdessen fällt mir das Atmen schwer und das Schlucken mit staubtrockenem Mund schmerzt. Außerdem meldet sich jetzt wieder mein Zeh. So bleibt mir in Martigny nach gerade einmal 50 km Fahrt nichts anderes übrig, als in einem Brunnen meine Füße zu kühlen.
Bei der Abfahrt vom Col du Sanetsch (©Daniel Witzke)

Bei der Abfahrt vom Col du Sanetsch (©Daniel Witzke)

Le Rhône (©Daniel Witzke)

Le Rhône (©Daniel Witzke)

Denn ab Martigny stehen die nächsten 1000 Höhenmeter auf dem Programm. Der Col de la Forclaz, dessen weite erste Kehre in den Weinbergen ich schon seit einigen Kilometern sehe. Das Problem, das ich eigentlich umgehen wollte, ist, dass die Mittagssonne gnadenlos auf die breite und recht viel befahrene nicht gerade flache Straße scheint. Hier hätte ich eine andere leichtere aber dafür längere Route über den Genfer See wählen können, aber die Hitze im Tal ist nicht sehr einladend.
Beim Anstieg stehen mir gefühlt nur 70% meiner Leistungsfähigkeit zur Verfügung. Woran liegt das? An der Hitze, an den bis hier her bereits 1100 zurückgelegten Kilometern, an den nur sieben Stunden Schlaf in den drei Tagen oder an allem zusammen? Auch wenn der Name des Passes aus dem Lateinischen von furca (dt. Gabel) kommt, liefert der Google-Übersetzer das Wort Zwangsvollstreckung. Radfahren unter diesen Bedingungen hat schon etwas von einer Zwangshandlung, denn der Pass wartet auf Vollstreckung. Leider werden die Widrigkeiten am Ende stärker, denn auf dem letzten Kilometer bläst mir ein heftiger Sommersturm entgegen, weil auf der anderen Passseite ein Gewitter aufzieht. Nichtsdestotrotz schaffe ich auch diesen Pass, auf dem wieder ein Brunnen auf mich wartet, ohne Unterbrechung der Fahrt, die am Schluss eher einem Dahinkriechen ähnelt.
Blick zurück auf Martigny und ins Rhonetal (©Daniel Witzke)

Blick zurück auf Martigny und ins Rhonetal (©Daniel Witzke)

In der Ferne das Mer de Glace oberhalb Chamonix (©Daniel Witzke)

In der Ferne das Mer de Glace oberhalb Chamonix (©Daniel Witzke)

Beim Anstieg zum nächsten Pass, dem Col des Montets beginnt ein kurzer Gewitterregen, der allerdings keine Abkühlung, sondern nur extreme Feuchte bringt. Ich stelle mich in einer offenen Garage unter und merke wie mir schwummrig wird. Ich lege mich ein paar Minuten auf den Beton-Boden und warte bis Regen und Schwindelgefühl vorbei sind. Vermutlich habe ich am Forclaz doch etwas zu viel Sonne abbekommen.
Auf die Abfahrt nach Chamonix habe ich mich eigentlich sehr gefreut, da ich das Mont-Blanc-Massiv mit seinen beeindruckenden Gletschern noch nie aus solcher Nähe gesehen habe. Aber Freude will nicht aufkommen. Die Nässe auf der Straße führt zu einem Waschküchenklima, die Autofahrer, die sich in einer langen Schlange durch den mondänen Ort quälen, sind sehr unentspannt, der Straßenbelag ist katastrophal und mein Sattel fühlt sich an, als bestünde er aus Nadeln. Dazu kommt, dass die Route, die ich mit dem sonst sehr zuverlässigen Tool Komoot geplant habe, fehlerhaft ist und direkt auf die Schnellstraße führt, die aus dem Monblanc-Tunnel kommt. Wenigstens Verpflegung kann ich in dem Ort nach Chamonix kaufen. Diesmal finde ich aber kein schönes Picknick-Plätzchen und setze mich einfach an den schattigen Straßenrand der kleinen Straße, auf der ich die Schnellstraße umfahre. Ich hoffe, dass mich Sandwiches, Trinkjoghurt, Cola und Bier wieder aus diesem Tief herausholen. Trotz allem denke ich nicht ans Aufgeben. Ich frage mich nur, wie das wohl noch weiter gehen wird. Bei einem Telefonat mit meiner Freundin Manuela kommen mir sofort die Tränen, aber die gemeinsame Analyse der Situation hilft mir sehr. Chamonix und die Gletscher des Mont-Blanc-Massivs (©Daniel Witzke)

Chamonix und die Gletscher des Mont-Blanc-Massivs (©Daniel Witzke)

Blick zurück zum Mont Blanc (©Daniel Witzke)

Blick zurück zum Mont Blanc (©Daniel Witzke)

Der lange Weg bis Grenoble

Eine halbe Stunde später bin ich im nächsten Anstieg. Ein ganz kleines und ruhiges Sträßchen schlängelt sich in Serpentinen nach oben und das Radfahren bereitet mir wieder Freude. In der Arly-Schlucht kurz vor Albertville bremst eine Straßensperre mit dem Hinweis route barrée meine schnelle Fahrt bergab. Die Umleitung geht leider über den Berg. Da es in 95% solcher Fälle möglich ist, mit dem Rad doch irgendwie durchzukommen, fahre ich trotzdem die Schlucht weiter. Um 20 Uhr wird hier sicherlich niemand mehr arbeiten. 2,5 km weiter zeigt mir ein Arbeiter, der sofort merkt, dass ich es zur Not zu Fuß probieren würde, dass der meterhohe Felssturz unüberwindbar die Schlucht blockiert. Das Bier, das er mir freundlicherweise anbietet, lehne ich ab, denn ich will in Albertville noch etwas Essbares bekommen. Die 300 zusätzlichen Höhenmeter, die ich fahren muss, haben etwas Unnötiges an sich, aber es gibt keine Alternative und die vielen anderen, die auch auf dieser Strecke unterwegs sind, müssen auch den Umweg in Kauf nehmen.
Statt einfach locker das Tal hinunter geht es über eine Umleitung (rot eingezeichnet)

Statt einfach locker das Tal hinunter geht es über eine Umleitung (rot eingezeichnet)

In einer Pizzeria in Albertville bin ich der letzte Gast, aber mein Getränkekonsum lohnt sich auf jeden Fall für den Wirt. Nach einer Stunde Pause starte ich in einen Streckenabschnitt, der nicht gerade eine große Faszination auf mich ausübt: 80 km flach durchs Isére-Tal nach Grenoble. Das müsste normalerweise in drei Stunden zu schaffen sein und dann könnte ich auch noch den starken Verkehr auf der Fernstraße zum Col de la Croix-Haute in der Nacht umgehen. Dumm nur, dass der Mensch Schlaf braucht.
Als plötzlich Gegenwind einsetzt und die Mündigkeit auf dieser langweiligen Strecke überhand nimmt, lege ich mich für fast zwei Stunden zum Schlafen auf eine Veranda. Ich fahre dann am Chartreuse-Gebirge entlang, wo ich schon einige wunderschöne Bergstraßen gefahren bin, die viel interessanter wären, allerdings auch viel anstrengender. Aber auch ebene und gerade Straßen sind anstrengend, so dass ich nach anderthalb Stunden erneut einen Powernap einlegen muss. Die Straße, in die die Autobahn südlich von Grenoble übergeht, werde ich also doch nicht in der Nacht fahren können. Immerhin schaffe ich es in der Morgendämmerung, flott und nahezu ungestört das noch schlafende Grenoble zu durchqueren.

29.07.2020 - Auf geht's in die Provence!

Nach dem ich das verschlafene Grenoble zügig mit einem kurzen Tankstellenstopp hinter mich gebracht habe, nutze ich vor dem nächsten Anstieg in einem kleinen Ort eine Parkbank für einen weiteren halbstündigen Powernap. Die 600 Höhenmeter überwinde ich zunächst über ein kleines Sträßchen und später auf einer größeren Straße, auf der es wegen der parallel verlaufenden Autobahn aber kaum Verkehr gibt. In Monestier-de-Clermont darf ich dann endlich richtiges Frankreich-Feeling erleben: Eine Baar im Dorfzentrum mit gutem Kaffee und fachkundigen Gesprächen mit den interessierten einheimischen Gästen. In solchen Situationen frage ich mich immer, wie lange Straßenbauarbeiter in Frankreich eigentlich Pause haben. Croissants und allerlei Süßgebäck hole ich in der Bäckerei ums Eck und darf diese wie üblich in der Bar genießen.
Jetzt spüre ich, wie es mich unweigerlich in die geliebte Provence zieht, so dass ich eine Stunde später aufbreche. Jetzt kommt ein 90 km langer Abschnitt auf einer viel befahrenen Straße über den Col de la Croix-Haute, die von vielen Provence-Urlaubern genutzt wird, denn die Autobahn ist hier zu Ende. Es gibt zwar teilweise weniger befahrene Alternativen, die allerdings entweder länger sind, oder mehr Höhenmeter haben. Ich bleibe deshalb auf der Hauptstraße, auf der mich der Verkehr weniger nervt als befürchtet. Ich genieße den Ausblick auf die schroffen Felswände des Vercors-Gebirges.
Die 2000er des nördlichen Vercors-Gebirges (©Daniel Witzke)

Die 2000er des nördlichen Vercors-Gebirges (©Daniel Witzke)

Kurz vor dem Pass höhre ich eine Menge französischen Text aus einem Lautsprecher eines hinter mir fahrenden Polizeiautos. Ich verstehe immer nur "droite" und fahre tatsächlich ausnahmsweise mal ganz rechts am Fahrbahnrand. Als die Herren immer noch nicht zufrieden sind, schaue ich doch einmal angestrengt nach hinten und sehe vier überbreite Schwertransporter, mit denen ich mich dann doch nicht anlegen will.
Beim Col de la Croix-Haute (©Daniel Witzke)

Beim Col de la Croix-Haute (©Daniel Witzke)

Nach der nur 1179 m hohen Passhöhe folgen 60 km Abfahrt durchs Buëch-Tal Richtung Sisteron. So schön bergabfahren ist, so nachteilig kann sich das aber auch auswirken. Je weniger Kraft man mit den Beinen aufs Pedal bringt, umso mehr Körpergewicht muss der Sattel aufnehmen. Hinzu kommen noch die ständig zunehmenden Temperaturen, die mich auch auf flachen Passagen sehr ins Schwitzen bringen. Nun liegen noch mehr als 500 km vor mir, die mit insgesamt 10.000 Höhenmetern auch nicht die leichtesten sind. Um diese bei der großen Hitze zu überstehen, entschließe ich mich, vor allem die großen Anstiege in den etwas kühleren Nächten zu bewältigen.
Die Mittagshitze überstehe ich in Laragne-Montéglin mit einer ausgiebiten Siesta am und im Fluss. Um 13 Uhr ordere ich beim Asiaten feines Essen to go und decke mich beim Supermarkt mit reichlich Flüssigem und Bananen ein. Drei Stunden lang lasse ich es mir dann am Buëch-Ufer gut gehen mit Baden, Essen, Trinken und einem ausgiebigen Mittagsschlaf im Schatten. Wie schön wäre doch das Urlaubsleben, wenn da nicht im Hintergrund eine gewisse Uhr mitlaufen würde… Ausgiebige Siesta am Fluss Buëch in Laragne-Montéglin

Ausgiebige Siesta am Fluss Buëch in Laragne-Montéglin

Um 16 Uhr geht es weiter durch die herrliche Gorge de la Méouge. Es hat zwar noch nicht wirklich abgekühlt, aber der flache Anstieg durch die Schlucht lässt das Radlerherz im wahrsten Sinne des Wortes höher schlagen. Hinter Sederon erwartet mich der gar nicht so einfache Col de l'Homme Mort. Jetzt wo die Abendsonne gnadenlos in den Hang scheint, kann ich den Namen gut nachvollziehen. Kurz vor 19 Uhr kann ich gerade noch den Intermarché in Sault plündern. Dass es dort kein gekühltes Panaché gibt, ist nicht weiter schlimm, denn im klimatisierten Laden ist es immerhin 15 Grad kühler als Draußen.
Gorge de la Méouge bei Sisteron (©Daniel Witzke)

Gorge de la Méouge bei Sisteron (©Daniel Witzke)

Und in der Ferne kann ich ihn schon gut erkennen:

Der dritte Peak: Mont Ventoux und der Zielparcours bis Nizza

Dass der Mont Ventoux eine große Faszination auf uns Rennradfahrer ausübt, liegt vermutlich daran, dass sich hier schon geschichtsträchtige Dramen abgespielt haben. Objektiv gesehen besonders schwer sind die Anstiege allerdings nicht, schon gar nicht von dieser Seite aus und erst recht nicht bei dieser Witterung. Bis zum Chalet Reynard geht es mit 4% Steigung gemächlich bergauf, allerdings 20 km lang. Ich schaffe hier nur eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 13 km/h. Vor zwei Jahren waren wir mit dem Tandem auf diesem Abschnitt stolze zehn Minuten schneller.
Nach dem Chalet Reynard wird es dann aber deutlich steiler und ich wage mir nicht vorzustellen wie heiß es zu dieser Zeit tagsüber in der Steinwüste des Südhangs wohl sein würde. Die Sonne ist längst untergegangen und die Millionen von Lichter in der Ferne bis Avignon sind ein reizvoller Anblick. Kurve um Kurve kämpfe ich mich nach oben und dem Turm auf dem Gipfel komme ich langsam aber kontinuierlich näher. Um 23 Uhr erreiche ich den lange ersehnten Gipfel. Es ist nahezu windstill und die Temperatur beträgt schätzungsweise knapp unter 20 Grad. Trotzdem halte ich kurz an, um meine Windjacke anzuziehen. Auf das obligatorische Gipfelfoto habe ich keine Lust, was mich im Nachhinein ziemlich ärgert, aber ich habe nur noch das Ziel im Sinn, bis zu dem es aber noch einige Stunden dauern wird, denn es sind noch ca. 450 km!
Mystisch: Der Turm auf dem Mont Ventoux bei Nacht (©adventurebikeracing.com)

Mystisch: Der Turm auf dem Mont Ventoux bei Nacht (©adventurebikeracing.com)

Blick vom Mont Ventoux nach Westen ins Rhonetal (©adventurebikeracing.com)

Blick vom Mont Ventoux nach Westen ins Rhonetal (©adventurebikeracing.com)

Sternschnuppen sind in dieser klaren Nacht nicht selten (©adventurebikeracing.com)

Sternschnuppen sind in dieser klaren Nacht nicht selten (©adventurebikeracing.com)

Weil der Gipfel wegen einer Baustelle für Kraftfahrzeuge gesperrt ist, gibt es auf der Abfahrt keinen Verkehr. Die nachlassende Anstrengung lässt meinen Kreislauf etwas zur Ruhe kommen, wodurch sich die Müdigkeit wieder ziemlich breit macht. Auch wenn ich normalerweise sehr gerne abfahre, bin ich heilfroh, Malaucéne zu erreichen, das 1600 m tiefer liegt als der Mont Ventoux. In den Cafés sitzen zwar noch einige Leute draußen bei Bier und Wein, zu kaufen gibt es hier aber kurz vor Mitternacht nichts mehr. Schade. Also fahre ich weiter. Mein Kreislauf will aber nicht wieder so richtig in Schwung kommen und kurze Zeit später entschließe ich mich dazu, etwas zu schlafen. Ich wollte zwar vor allem nachts fahren, aber bei aufkommender Gefahr von Sekundenschlaf ist mir das zu gefährlich. Weil ich nicht lange Pause machen will, lege ich mich einfach so wie ich bin zwischen den Weinreben ins Gras. Eine Stunde später kann ich weiterfahren, brauche bald danach an einem Automaten einer Tankstelle eine Cola. Neben der Tanksäule sitzend lege ich mich kurz neben meinem Rad nach hinten, auch wenn es schönere Liegeplätze gibt. Das muss ein tolles Bild sein - eine Stunde lang.
Im langsam ansteigenden Tal sehe ich vor mir einen Radfahrer. Das muss ein Teilnehmer des Rennens sein. Ist es aber nicht, denn als ich ihn überhole zeigt sich, dass es eine Teilnehmerin ist. Ein paar Minuten unterhalte ich mich mit Fanny. Sie scheint nicht sehr glücklich zu sein, denn sie hat bisher wohl kaum geschlafen. Immerhin freut sie sich darüber, dass sie die Frauen-Konkurrenz deutlich anführt. Mit einem "bon courage" verabschiede ich mich von ihr und ziehe von dannen. Sie wird mich wieder überholen, wenn ich kurz nach Sonnenaufgang bei der Passhöhe des Col de Perty am Straßenrand liegen werde.
Als sich Hunger breit macht und ich keinen Appetit auf Power-Riegel habe, kommt mir eine schöne Idee fürs Frühstück: Ich fahre ja ein zweites Mal durch Laragne-Montéglin, denn jetzt bin ich auf dem fest vorgegebenen Zielparcours. Ich kenne ja den Supermarkt schon und auch die Badestelle erfüllt wieder wunderbar ihren Zweck, denn Abkühlung ist zwingend notwendig. Leider kann man diese so schlecht speichern.
Die letzten 550 km - nicht wirklich die direkte Strecke nach Nizza

Die letzten 550 km - nicht wirklich die direkte Strecke nach Nizza

In Sisteron an der Durance ist die Hitze fast unerträglich. Die Situation wird dadurch noch verschärft, dass der nächste "Riese" sich mir fast unüberwindbar in den Weg stellt. Wie einfach wäre es, an der Durance weiter zu rollen, aber der Veranstalter hat die Strecke über den Montagne de Lure geführt. Die "kleine Schwester des Mont Ventoux" ist zwar nur 1745 m hoch, aber Höhenmeter sind es von hier genauso viele wie von Sault auf den großen Bruder. Und ich fahre diesen Anstieg nicht in der Kühle der Nacht, sondern in der Mittagshitze. Der 26 km lange Anstieg ist nicht steil, aber in dieser Situation sehr zäh. Jeder Kilometer ist mit einem Schild für Radfahrer markiert. Ich bin mir sicher, dass hier jemand die Maßeinheit verwechselt hat, das müssen Meilen sein! Hinzu kommt, dass hier ganz frisch Rollsplit ausgebracht wurde. Vermutlich erhofft man sich, dass 240 prall aufgepumpte Rennradreifen die Steine in den weichen Asphalt drücken, denn Autos fahren hier kaum welche. Die Steinchen bleiben vermehrt am Reifen hängen und so fahre ich fast durchgehend mit dem Finger auf der Lauffläche des Vorderrads, um diese wieder los zu werden. Wasser gibt es hier nirgends, auf den letzten Kilometern nicht mal mehr in meinen Trinkflaschen. Ich bin geduldig, aber dieser Berg strapaziert meine Geduld fast aufs Äußerste. Immerhin überhole ich noch vor der Baumgrenze den Bautrupp, der die Straße bergauf in einen Horror für Radfahrer verwandelt.
Der Gipfel des Montagne de Lure, die ''kleine Schwester des Mont Ventoux'' (©Daniel Witzke)

Der Gipfel des Montagne de Lure, die "kleine Schwester des Mont Ventoux" (©Daniel Witzke)

Gott sei Dank ist die Abfahrt frei von dem verhassten Rollsplit, so dass ich recht flott abfahren kann. Mit jedem Kilometer steigen wieder die Temperaturen und ich bin mir sicher, dass die Leute hier den Teig zum Brot backen einfach auf den Balkon stellen können. Kurz vor dem Verdursten erreiche ich den Supermarkt in Saint-Étienne-les-Orgues. Ich packe meinen Beutel voll mit Verpflegung, die ich auf einer schattigen Betonbank im Ortszentrum zu mir nehme. Hier ist auch wieder der richtige Ort für eine Siesta mit Mittagsschlaf. Die Hitze beim Durchqueren des Durance-Tals gegen 17 Uhr macht mir aber nicht sehr viel aus. Habe ich mich etwa schon daran gewöhnt?
Die Durance (©Daniel Witzke)

Die Durance (©Daniel Witzke)

Die hügelige Gegend vorbei an zum Teil noch blühenden Lavendelfeldern ist mir vom Mille du Sud, den ich schon mehrfach gefahren bin, sehr vertraut. Das ist gut so, denn diese Wellen können einem den Garaus machen, wenn man sich nicht darauf einstellt. Bei Sonnenuntergang erreiche ich den von Touristen überfluteten Ort Moustiers-Sainte-Marie im Verdon-Nationalpark. In der Pizzeria gibt es draußen keinen Platz mehr, aber an der Luft war ich in den letzten Tagen ja genug. So sitze ich ganz allein im Lokal und niemand stört sich daran, dass ich die Schuhe ausziehe. Die letzte Einkehr meiner Tour genieße ich mit einer Bestellung von jeder Seite der Speisekarte. Salat, Pizza, Getränke mit Alkohol und ohne, Heißgetränk und Dessert bis auch draußen niemand mehr sitzt und das Lokal schließt. Die ungläubigen Blicke Anderer wenn ich mich zur Weiterfahrt richte, kenne ich bereits.
Der Anstieg entlang der Verdon-Schlucht zum Col d'Ayen ist nachts ein Traum. Keine Hitze, keine Wohnmobile, keine Motorradfahrer. Und auch der steilste Anstieg des ganzen Rennens, der sich auf der Schleife der Route des Crêtes hoch über dem Fluss Verdon noch einmal auf über 1300 m Höhe erhebt, ist zwar anstrengend, aber ein tolles Erlebnis. Der Mond scheint auf die atemberaubenden Felswände und ich bin hier in totaler Stille eins mit der Natur.
Route des Crêtes bei Tag: 500 m hohe Felswände der Verdonschlucht (©Daniel Witzke)

Route des Crêtes bei Tag: 500 m hohe Felswände der Verdonschlucht (©Daniel Witzke)

Die Natur hat in dieser Gegend nachts aber auch eine gefährliche Seite: Wilde Tiere, die sich nicht um den Verkehr scheren. Vor ein paar Jahren hatte ich hier mal fast einen Zusammenstoß mit einem Reh, aber auch Wildschweine haben hier schon Kollegen von mir schwer zu schaffen gemacht. Umso glücklicher bin ich über meinen High-Tech-Scheinwerfer, den mir die Firma Supernova für dieses Rennen zur Verfügung gestellt hat. Damit kann ich die Straße und vor allem auch den Bereich daneben mehrere hundert Meter ausleuchten. Die Wohnmobilisten, die um diese Zeit noch vor ihren Kisten sitzen, schauen etwas verwundert, als die Straße auch ohne Motorlärm plötzlich taghell erleuchtet wird.
In Castellane tobt um 2.45 Uhr immer noch Leben. Vermutlich ist es auch hier tagsüber einfach zu heiß um draußen zu sein. Ich weiß, dass jetzt wieder ein Anstieg kommt, aber dass mich dieser noch einmal so weit nach oben bringen wird, ist mir nicht bewusst. Es ist das erste mal auf der ganzen Tour, dass ich beim Bergauffahren anhalte und auf dem Smartphone das Höhenprofil studiere. Das ist aber notwendig um angesichts der schwindenden Kräfte nicht zu verzweifeln. Wenigstens gibt es hier überall frisches Wasser, mit dem ich auch wieder meine Füße kühlen kann, was trotz Höhe und fehlender Sonneneinstrahlung notwendig ist.
Als die Sonne aufgeht erreiche ich das beeindruckende Estéron-Tal. Beim Mille du Sud 2014 sind wir dieses Tal hinauf gefahren und schon seit der Anmeldung zu diesem Rennen freue ich mich auf diesen landschaftlichen Genuss. Ich bewundere aber nicht nur die Felswände und Wasserfälle, sondern auch die skurrilsten Menschenansammlungen, Fahrzeuge und Tiere, die sich immer wieder in Nichts auflösen, wenn ich sie erreiche: Es ist die Zeit der Halluzinationen, die sich wegen des Schlafmangels einstellen. Ein Freund von mir sagte mal in einem Interview: "Da setzt der Körper Drogen frei, die es nirgendwo zu kaufen gibt." Anfangs mache ich mir einen Spaß daraus und finde es unglaublich, wie schnell das Gehirn Bilder im Sichtfeld produzieren kann, die sich dann als Pflanzen, Steine oder anderes erweisen. Einmal sehe ich ein Kind im roten Pulli vor Baumaschinen und bin mir ganz sicher, dass das echt ist: Schwupp, weg ist es und übrig bleiben ein blühender Busch und ein paar Felsen.
Auf der Abfahrt, auf der man auch vor Geröll auf der schmalen Straße aufpassen muss, erscheint es mir dann aber sicherer, in Le Mas noch einmal etwas zu schlafen. Der Spruch an einer Unglücksstelle am Großglockner, den ich ziemlich genau vor vier Tagen gelesen habe, hat etwas so Wahres (auch wenn er anders gemeint ist): "Life is easy when you're sleeping". Sinnspruch an der Großglockner-Hochalpenstraße (©adventurebikeracing.com)

Sinnspruch an der Großglockner-Hochalpenstraße (©adventurebikeracing.com)

So kann ich das bergige Hinterland von Nizza richtig genießen. Die letzten Kilometer vor der Großstadt ziehen sich allerdings wie Gummi. Als ich mir sicher bin, dass es keine 5 Kilometer mehr sein können, sehe ich ein Schild "Nice 29 km". Aber das bringt mich jetzt auch nicht mehr aus der Ruhe. Auch nicht die ca. 20% steile Rampe, an der ich erstmal vorbeifahre, da ich nicht glauben kann, dass man uns hier hinauf führt.
Am Freitag, den 31.07.2020 um 10.50 Uhr erreiche ich nach 5 Tagen, 18 Stunden und 43 Minuten das lang ersehnte Ziel an der Strandpromenade in Nizza. Es war hart, sehr hart, teilweise grenzwertig heiß, aber ich habe immer noch ein Lächeln im Gesicht!
Glücklich im Ziel an der Strandpromenade in Nizza (©adventurebikeracing.com)

Glücklich im Ziel an der Strandpromenade in Nizza (©adventurebikeracing.com)

Mein Minimalziel war, diese Strecke in weniger als einer Woche zu bewältigen. Wenn alles besonders gut laufen würde, konnte ich mir aber auch ca. sechs Tage vorstellen. Also bin ich mit meiner Zeit mehr als zufrieden, auch wenn es mir das eine oder andere Mal zu langsam voranging. Als 13. im Ziel in diesem hochkarätigen Teilnehmerfeld von 120 zum Teil sehr erfahrenen Starten bin ich äußerst stolz auf das Erreichte, zumal das mein erstes Langstreckenrennen in dieser Größenordnung war.

Herzlichen Dank an

Maro Moskopp (radplan-delta.de), der mir so kurzfristig diesen tollen Bikepacking-Laufradsatz gebaut hat.
Marcus Wallmeyer von Supernova für die absolute Beleuchtung in der Nacht, von der ich im wahrsten Sinne des Wortes hellauf begeistert bin.
Michael Wacker (adventurebikeracing.com), der uns allen mit diesem Event wirklich ein besonderes Abenteuer beschert hat.
Daniel Witzke, der mir viele tolle Fotos für diesen Bericht zur Verfügung gestellt hat.
Im Gespräch mit Daniel Witzke, einem weiteren Teilnehmer aus Freiburg (©adventurebikeracing.com)

Im Gespräch mit Daniel Witzke, einem weiteren Teilnehmer aus Freiburg (©adventurebikeracing.com)

Meine Freundin Mauela für die bedingungslose Unterstützung unseres gemeinsamen Hobbys und für die Tipps und Aufmunterungen aus der Ferne während des Rennens.
Fortuna und Madonna del Ghisallo (Schutzpatronin der Radfahrenden) für das viele Glück das ich haben durfte. Bewusst wird mir das bei meiner nächsten Tour in den Odenwald. Das Knacksen im Tretlagerbereich, das ich gegen Ende des Rennes als Problem des Pedallagers abgetan hatte, stellt sich als gebrochene Verschweißung des rechten Ultegra-Hollowtech-Kurbelarms heraus. Die Kurbel hätte auch abbrechen können!



Meine Trainings-Philosophie

Oft werde ich gefragt, wie ich für solche Langstrecken trainiere. Was manche verwundert ist, dass ich überhaupt keinen festen Trainingsplan habe. Ich kenne meinen Körper mittlerweile so gut, dass ich ziemlich genau ein Gefühl dafür habe, was mir auf dem Rad gut tut. Voll und ganz bestätigen kann ich den Spruch von Eddy Merckx: "Ride as much or as little, or as long or as short as you feel. But ride." ("Fahre so viel oder so wenig, so weit oder nicht so weit wie du willst. Hauptsache, du fährst.").
So bin ich in diesem Jahr vor diesem Rennen eigentlich nur 78 mal Rad gefahren. Allerdings durchschnittlich mehr als 140 km pro Fahrt, was sich dann auf ca. 11.000 km summiert. Ziemlich genau zwei Drittel dieser Trainingskilometer habe ich mit Manuela auf dem Tandem zurück gelegt. Das macht uns zum Einen sehr viel Spaß und bringt andererseits recht viel Druck in die Beine.
Die 78 Traingstouren im Jahr 2020 vor diesem Rennen

Die 78 Traingstouren im Jahr 2020 vor diesem Rennen

Viele tolle Erlebnisse und Begegnungen auf dem Rad machen einfach Lust aufs Radfahren.

Viele tolle Erlebnisse und Begegnungen auf dem Rad machen einfach Lust aufs Radfahren.

Ganz wichtig finde ich das "Kopftraining", das man eigentlich nicht gut planen kann. Diese Art von Härte holt man sich in Trainingseinheiten, die manchmal etwas ungewöhnlich sind, z.B. im Februar diesen Jahres mit dem Rennrad nachts über die Alpen ins Skilager nach Südtirol und zurück zu fahren. Es geht meist um die Situationen, in die man kommt, die manchmal schwer zu ertragen sind, die einen aber im Nachhinein weiter bringen. Ich denke da an Situationen wie
beim 300-km Bölchenbrevet im Mai 2019, als wir im Schweizer Jura bei heftigem Schneefall unterwegs waren und nicht aufgegeben haben,
in der komplett verregneten Nacht vom ersten auf den zweiten Weihnachtfeiertag 2019, als wir in den Golanhöhen in Israel mit dem Tandem bei der Super-Randonnée alle unsere sechs Ersatzschläuche montieren mussten und es trotzdem geschafft haben,
bei der Rückfahrt von einem dienstlichen Termin abends in Karlsruhe bei Minusgraden im Januar, als der vorhergesagte Rückenwind plötzlich in heftigen Gegenwind drehte, ich aber trotzdem nicht in den Zug eingestiegen bin.
Hier gefällt mir ganz besonders der Spruch "great things never came from comfort zones."

Packliste

Alles was ich bei diesem Abenteuer dabei hatte. Keine Ahnung, warum andere im Urlaub LKW-große Fahrzeuge benötigen.

Alles was ich bei diesem Abenteuer dabei hatte. Keine Ahnung, warum andere im Urlaub LKW-große Fahrzeuge benötigen.

Alles was man zum Bikepacking-Leben braucht:
Plastiktragebeutel für Provianteinkauf
2 Ersatzschläuche*, Klettbänder*, Kabelbinder
Kettenöl (normales Motorenöl), Einmalhandschuhe*
Ersatzbatterien für Navi und Smart-Rücklichter
kleiner Lappen*, Taschenmesser, Flickzeug*
Plastikgabel, Gewebeband*, Multitool Topeak Mini 20 Pro
2 Speichennippel*, Adapter für Autopumpe*, Nippelspanner*
Pumpe Lezyne Carbon Drive Lite, 2 Reifenheber*
Magnesium-Braustabletten, 400 ml Maltodextrin 12 Orange
2 Trinkflaschen, Rettungsdecke*, Mikrofaser-Handtuch
Navigationsgerät Garmin GPSMAP 64s
Smartphone Huawei P10, Geldbeutel, Zahlenschloss
Smartphonehülle Topeak SmartPhone DryBag 6" mit Halterung als Garmin-Backup
Linola Schutzbalsam, Melkfett mit Ringelblumensalbe
Sonnencreme, Teil einer Zahnbürste und Zahnpasta
Ohrstöpsel*, Pantozol Control (gegen Sodbrennen)
Aspirin direkt*, Imodium akut (gegen Durchfall)*
Augentropgen (wg. Heuschnupfen)*, Wundheil-Zinksalbe*
Ibuprofen Schmerzgel, Ibuprofen 400mg Tabletten*
2 Blutlanzetten (zur Eiter-Behandlung)*, Feuchttücher
3 dünne Plastiksäcke
Isomatte Thermarest NeoAir Uberlite (240g)
Schlafsack Cumulus Magic 125 Zip (260g)
Power-Riegel Powerbar
Helmlampe Lupine Neo 4 LED Hardcase mit Akku, Verlängerungskabel, Netzteil, USB-Adapter
Powerbank Intenso 10 Ah
2 USB-Kabel (Powerbank und Smartphone), USB-Netzteil
2 Reflexbänder mit roten LEDs, reflektierende Weste
Brille Uvex sportstyle 202 vario, Radmütze #TPBR
Helm Bontrager Ballista MIPS Road
Unterhose, T-Shirt, leichte Outdoor-Hose
Rad-Handschuhe, Buff*, Armlinge, Beinlinge
Regenhose Endura*, Regenjacke Goretex Shakedry*
Regen-Überschuhe Goretex*,
Lange Handschuhe*, Windjacke Vaude, Primaloft-Jacke
Kurzarm-Trikot Cuore, Langarm-Trikot everve*
Radhose everve ME, Radhose Assos T.equipe_s7
Netzunterhemd Endura, wärmeres Hemd odlo*
2 Paar Radsocken, Radschuhe Shimano S-Phyre
*Diese notwendigen Dinge habe ich diesmal nicht benötigt.


(Fotos teilweise von Daniel Witzke und Adventure Bike Racing)


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